SOZIALE KOMPETENZ: 

Die Welt war klein geworden, denn von jedem Punkt der Erde konnte zugegriffen werden auf Informationen in Wort und Bild und dies nicht nur zeitversetzt, sondern auch in allen Sprachen. Das Wissen der Welt war gespeichert und durch winzige mobile Geräte abrufbar. Die Datenbanken wurden laufend ergänzt und anhand intelligenter Systeme kategorisiert und konnten in verschiedener Tiefe durchsucht werden. Nahezu jeder Handgriff war automatisiert worden, intelligente Geräte verrichteten jede Art von Arbeit. Auch die Überwachung einzelner Arbeitsschritte war weitgehendst an geeignete Roboter übertragen worden. Nur wenige Menschen kontrollierten die Zusammenhänge und erfanden immer neue Technologien. Die Kategorien Stadt und Land hatten keine Bedeutung mehr, da sich die Wohnräume ebenso wie die Arbeitsräume in mobilen Zellen befanden, die jederzeit verschiebbar waren, sich da und dort temporär eingliederten, andockten. Natur war eine ebenso kontrollierte Größe, wie das Leben der Menschen geworden. Frühwarnsysteme und entsprechende Abwehraktionen hielten wetterbedingte Katastrophen in überschaubarem Ausmaß, und die Belastungen der Atmosphäre hatten kluge Köpfe durch Filter und Gesetze weitgehendst  im Griff. Seit geraumer Zeit wurden wissenschaftliche Erkenntnisse geprüft und zum Wohle der Menschen dieser Erde eingesetzt. Internationale Abkommen die auch eingehalten wurden, garantierten den Erfolg. Alle Geräte, alle Waren, alle Dienstleistungen waren überall erhältlich. Es gab keine Grenzen mehr, welche Staaten trennten, denn das Völkergemisch hatte Staaten obsolet erscheinen lassen, sie waren abgeschafft worden. Kulturelle Eigenheiten wurden in Vereinigungen gepflegt, hatten aber keine Macht über andere Menschen und niemand zwang Menschen in Rituale. Die Technologien hatten Erwerbsarbeit zum Zwecke des Überlebens, zum Zwecke der Befriedigung der Bedürfnisse überflüssig gemacht, das Nötige war für alle da und wurde weltweit umverteilt. Es gab keine Kriege mehr und keine Diskriminierung von Rasse oder Geschlecht. Die Menschen hatten durch Bildung, die überall abrufbar war, überall verfügbar war, so viel Vernunft und Herzensbildung erworben, dass sie die Vorteile eines gewaltfreien Lebens erkennen und genießen konnten. Eine ganz andere Hierarchie der Beachtung, Akzeptanz, Bewunderung hatte sich breit gemacht, geschätzt wurden Menschen, die gute Ideen hatten, kunstvolle Dinge realisieren konnten, und angenehme Umgangsformen an den Tag legten. Gier, Neid, Geiz, Eitelkeit, Missgunst, waren aus der Mode gekommen. Es wurden nicht jene Menschen bewundert die mehr Güter angehäuft hatten, denn immer mehr Menschen hatten eine Philosophie des Einfachen für sich als richtig erkannt, manche lebten auch mit fast nichts in der Natur, und fanden ihr Auslangen mit wenigen schönen Dingen und produzierten Weisheiten, die sie freigiebig weitergaben. Weltweit anerkannte politische Regelungen hatten es möglich gemacht, dass es keine Superreichen mehr gab, und keine Spekulanten, die Gewinnmaximierung wurde abgeschafft. Und da jegliches Einkommen transparent war, und alle Abrechnungen öffentlich, gab es keine Betrügereien mehr. Und weil es keine wirklich Reichen und keine wirklich Armen mehr gab, verschwand auch der Neid. Die Menschen maßen ihre Kräfte in Sport, Spiel, Wissenschaft und Kunst, in technischer oder handwerklicher Arbeit, bei Musik und Tanz. Sie machten sich die Erde untertan zu ihrer Freude, ohne sie auszubeuten. Und weil die Menschen sich nun nicht mehr bekriegten und ihre Zeit pfleglich verwendeten, lebten sie länger als je zuvor, bei weit besserer Gesundheit. Einer der Gründe, warum es keine Kriege mehr gab, war ein Abkommen aller Religionen, die nicht nur ihre Traditionen in Einklang mit den demokratischen Anforderungen brachten, sondern eine Gemeinsamkeit darin sahen, dass es um Spiritualität geht, die unterschiedliche Ausprägungen zeigt. Alle Übertrittsprobleme wurden gelöst, jede Religion wurde überall möglich, wenn sie die Menschenrechte achtete. Gewaltfreiheit war ein international anerkannter Status. Totale Information und totale Transparenz hatten ein Klima geschaffen, welches Gepflogenheiten die viele Jahrtausende lang nur unwesentliche Unterschiede zeigten, auszuhebeln und umzuwidmen vermochte. Das war die Ära von SOZIAL SPIRIT.

Dann, eines Tages  wurde die Erfindung zum ewigen Leben der Menschen gemacht. Die Erfolgsfeiern nahmen kein Ende, doch noch während alle im Taumel dieses großen wissenschaftlichen Sieges waren, traten Splittergruppen auf, die in krassen Farben die Folgen einer Übervölkerung malten. Unterschiedliche Strategien wurden diskutiert, doch immer mehr machte sich die Vorstellung breit, dass der Ist-Zustand eingefroren werden müsste, was auch heißt, wir brauchen keine Kinder mehr. In der Folge wurde auch darüber gesprochen, dass die Alten eine endlose Belastung wären und immer schneller machte sich die Vorstellung breit, dass gegen diesen Misstand etwas unternommen werden müsste. Da nun die Mehrzahl der Menschen weder Kinder noch Alte waren, kam es zu der legendären Entscheidung, wir müssen etwas unternehmen, zumindest auf Zeit, um zu sehen, wie sich die Welt der Unsterblichen entwickeln würde.

Großmutter: Sie haben uns im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis gelegt, in einen Zustand überführt, der weder Tod noch Leben bedeutet. Wir können uns in diesen Eisgebirgen nicht bewegen, wir altern nicht wir wachsen nicht. Nur die Kommunikation in Gedanken ist uns als letzte Möglichkeit geblieben.

Enkelkind: Haben alle Menschen zugestimmt? Haben Sie uns nicht geliebt?

Großmutter: Nun ja, die Selbstsüchtigkeit ist wohl wieder zurückgekehrt, es haben auch Menschen mit Familie dafür gestimmt, dass die Kinder und die Alten auf Eis gelegt werden sollen, und haben sich eingeredet, dass dies nur zu ihrem Besten wäre. Mehr als die Hälfte der Stimmen weltweit, hat beschlossen, dass dies für die Unsterblichkeit nun notwendig wäre.

Enkelkind: Wie haben die Menschen früher gelebt?

Großmutter: Um die Jahrtausendwende begann die Globalisierung, Menschen zogen in andere Länder, wo sie glaubten es besser zu haben, Produktionen wurden in Länder verlagert wo die Arbeitskräfte billiger waren und der Umweltschutz weniger ausgeprägt. Die Computertechnologien, die Digitalisierung, das Internet, nahmen immer mehr Menschen die Arbeit ab. Es wurde zwar immer von neuen Arbeitsfeldern gesprochen, die durch neue Technologien anfallen würden, aber der Druck auf die Arbeitnehmer wurde immer größer, je mehr Leute keine Arbeit hatten. Immer öfter sparten sich Unternehmen auch die Einschulung, das machte viel Ärger, auch bei den Kunden. In den Billigländern mussten Arbeitskräfte länger arbeiten und verdienten weniger, die Waren wurden dadurch billiger, aber bald konnten sich immer mehr Menschen in den reichen Ländern auch nichts mehr kaufen, der Mittelstand schwand, jede Art von Arbeit wurde immer schlechter bezahlt, bei immer größerem Stress. Die Schlauen machten Geld mit Geld, das sie dann wieder investieren konnten, die Firmen notierten auf der Börse und versuchten immer größere Gewinne zu machen. Zuletzt führte die Gewinnmaximierung dazu, dass die Waren und Dienstleitungen nicht mehr anzubringen waren, weil es nur mehr sehr wenige Menschen mit sehr viel Geld und Besitz und sehr viele Menschen ohne Geld und Besitz gab. Dazu kam noch, dass es viele Naturkatastrophen gab, auch die Natur unterlag rücksichtsloser Ausbeutung und achtloser Produktion von Umweltgiften. Kriege die keiner Partei mehr etwas brachten, erschöpften die Staatskassen. Religionsführer entwickelten ebensolche Machtgelüste wie Staatsoberhäupter und jeder versuchte jeden zu manipulieren. So konnte es nicht mehr weiter gehen, der Leidensdruck war zu groß geworden. Am Höhepunkt allgemeiner Unzufriedenheiten begannen Menschen mit guten Ideen Alternativen zu diesen rein materialistischen und rücksichtslosen Strategien zu entwerfen, die schnell großen Zuspruch fanden, die Menschen fassten wieder Hoffnung und engagierten sich in Strategien der Veränderung. Sie konzipierten neue Regierungsformen und Verwaltungsformen, die das alte System der Staaten ersetzen konnten. Schließlich waren ja zu dem Zeitpunkt die meisten Menschen durch langjährige Ausbildungssysteme gegangen, das einzige was fehlte war der Soziale Geist oder die Herzensbildung und das wurde nun nachgeholt. So kam es, dass eine leider viel zu kurze Zeit der Hochblüte der Sozialen Kompetenz erreicht wurde. Die Menschheit nutzte die technischen Errungenschaften jenseits differenter Moralvorstellungen, Ideologien, Religionen, Traditionen, für ein friedliches Miteinander.

Enkelkind: Wie lange müssen wir noch hier bleiben?

Großmutter: Ich weis es nicht.

Enkelkind: Wie lange sind wir schon hier?

Großmutter: Da es hier keinen Tag und keine Nacht gibt, konnte ich die Tage nicht zählen, es kommt mir vor wie die Ewigkeit.

Lautsprecher: Inzwischen tobten auf dem Erdball heftige ideelle Kämpfe. Die so enthusiastisch gefeierte Erfindung des ewigen Lebens fand nicht mehr ungeteiltes Interesse. Der Traum der Jahrtausende war ausgeträumt. Nun, da man sich real als Mensch von Fleisch und Blut auf das ewige Leben einzurichten begann, stellte sich langsam, aber immer deutlicher werdend heraus, dass dies nicht für alle Menschen wünschenswert war. Manche begannen sich bei der Vorstellung, dass sie nun in dem Zustand, dem Alter, ewig verbleiben würden zu langweilen, wollten jünger oder älter werden. Sie begannen den Erfinder des ewigen Lebens zu verfluchen. Andere wurden zunehmend von schlechtem Gewissen geplagt, wegen der Ausgrenzung der Kinder und der Alten. Die Mehrheit empfand sich ebenfalls festgefroren in einem Mangel an Zirkulation. In einer Zeit, in der das finanzielle Problem gelöst war, die Anhäufung von Materie kein Thema mehr war, begann der Kampf um Jugend, Kraft und Schönheit ähnliche Ausmaße anzunehmen wie zuvor die Gewinnmaximierung. Am Morgen der 30 Jahr Feiern von SOZIAL SPIRIT, der Einführung weltweiter Gewaltlosigkeit und Umverteilung der Güter, wurde der Erfinder der Unsterblichkeit ermordet und seine Schriften und Labors verbrannt.

Ärztin: Welch barbarischer Akt, wir waren doch erst am Anfang einer Entwicklung. Jede Art von individuellem Wunsch bezüglich Körper, Alter, Intelligenz, wären sicher in Zukunft realisierbar geworden. Der Wissenschaft ist ein Star verloren gegangen. Ein wesentlicher Baustein für unsere Zukunftsstrategien fehlt nun, wir sind um Jahre zurück geworfen worden. Nicht genug damit, dass unsere Testserie des Beamens von realen Menschen unterbrochen wurde, jetzt wurde durch die Ermordung eines hervorragenden Wissenschaftlers ein Zeichen gesetzt das in die Zeit vor SOZIAL SPIRIT verweist. Die Teleportation und die Konstruktion von Ist-Zuständen, das Ende der Sterblichkeit waren ein in sich verschränktes Forschungsfeld. Die zunehmend ablehnende Haltung der Community gegenüber fortschrittlichen Praktiken verweist auf einen Mangel an SOZIALER KOMPETENZ, die in Zukunft wohl unser Forschungsfeld Nr. 1 werden muss.

Psychologe: Der Tod besitzt offenbar sowohl Event-Charakter, als auch ein derartiges Faszinosum, dass alle antrainierten Verhaltensformen weggespült wurden. Gleich einem sexuellen Reiz, der weitgehendst unkontrollierbar Menschen überfällt, wirken Retrokräfte in die Zukunft unserer Moralvorstellungen. Die Verhaltensformen waren in Zeiten von SOZIAL SPIRIT geformt und überformt worden. Die Bestie Mensch bricht sich nun wieder Bahn. Tradierte Werte konnten nur ungenügend in ein Gutmenschtum transferiert werden, das Tier in uns, fressen und gefressen werden, pocht auf seine Rechte. Die Zahlungsmoral, beziehungsweise Unmoral war nur der äußere Rahmen, tatsächlich ging es um Kraft und Schönheit, um Jäger und Gejagte.

Feministin: Mit dieser Psychologisierung der Vernunft zielt Mann auf die Unterwerfung der Frau, wie sie jahrtausendelang praktiziert wurde und durch SOZIAL SPIRIT endgültig überwunden war. Der Mord an einem Wissenschaftler ist nicht logischer Weise ein Grund, alle in SOZIAL SPIRIT erarbeiteten Kategorien der sozialen Vernunft über Bord zu werfen. Der Faktor Alterung hatte offenbar auch Qualitäten die jetzt verloren gegangen sind, ganz abgesehen davon, dass die Administrierung des ewigen Lebens auf falsche Geleise gesetzt wurde. Die auf Eis Legung der Kinder und Alten hätte nie passieren dürfen und das Verbot der Zeugung von Kindern nicht verhängt werden sollen. Das geschah zwar alles als durch Abstimmung gesichertes Gesetz, doch sozial richtig war es nicht. Wir päldieren dafür, dass die Klasse der in den Eisgebirgen Verborgenen wieder zur Debatte steht und die Formen der Demokratie erneut diskutiert werden, da das aktuelle System fehleranfällig ist.

Frosch: Nun, eigentlich wollte ich ja immer schon König werden, leider hat mich die Schöne nicht geküsst. Bezüglich der aktuellen Lage empfiehlt sich, über das demokratische System generell nachzudenken. Eine Bündelung aller Entscheidungen in einer starken Hand könnte das Chaos lösen. Eine globale zentrale Stelle unumschränkter Macht, erscheint weit eher als die Demokratie, als Garant für Fortbestand.

Techniker: Rein technisch gesehen ist eine alles kontrollierende Schaltstelle keine Sache der Unmöglichkeit, wir brauchen dazu nicht einmal Menschen, ist sie erst einmal installiert. Virtuell wurde ja längst alles durchgespielt, bis zum künstlichen Leben selbst. Wir bedauern ebenso wie die Mediziner, dass der letzte Schritt, die TelePortation von Menschen, ihre Zerlegung und wunschgemäße Neukonstruktion nicht die Zustimmung der Mehrheit gefunden hat. SOZIAL SPIRIT ist nicht mehr potenzierbar, mehr als Gewaltfreiheit, Toleranz, Gleichberechtigung und Umweltbewusstsein ist nicht denkbar, daher stagniert die Schöpferkraft auf diesem Gebiet. Wir haben das ganze Leben automatisiert, wir haben aus Arbeit Spiel gemacht, es fehlt an Herausforderungen mit Ausnahme einer, dass die entworfenen Abenteuer, Wesen, Zeitreisen real erlebbar werden. Wir sehen keine Notwendigkeit darin, das menschliche Wesen beizubehalten, weder das Modell der Geschlechter, männlich, weiblich, noch die doch recht eintönige Gestalt.

Managerin: Wir hatten mit der Produktion von schönem Schein die besten Erfahrungen gemacht, und alle Wünsche bedient. Katakombenpartys mit kanibalistischen Dinners, schwarzen Messen, lustvollen Folterungen, jenseits der realen Existenz und von SOZIAL SPIRIT. Sozial Transfer war total gefragt bei Mode, Wohndesign und Metrosex. Es schien geradezu die Essenz von SOZIAL SPIRIT zu sein, Klassenbewusstsein und Genderprobleme aufzuweichen. Die Gewalttätigkeiten aus den Filmen der letzten Jahrhunderte wurden langsam als Spielwiese der arbeitslosen Gesellschaft partyfähig. Aber die eingefrorene Klasse wurde zunehmend vermisst. Es ist langweilig geworden, das Leben als Endlosschleife. Immer größere Teile der Bevölkerung stürzen sich in selbstauferlegte Arbeiten, die vorzugsweise handwerklicher Natur sind. Vermehrt fühlen sich auch wieder Menschen zu Säulenheiligen berufen und üben Praxen der Kasteiung. Die Erfolgsziffern unserer Event-Börsen sind gefallen. Viele Menschen wollen einfach nichts mehr gratis haben. Die Doppelmoral die sich auch während Sozial Spirit begann einzuspielen, wird neuerdings abgelehnt. Der Markt für Realityspiele ist total eingebrochen, die Bewußtseinsdesigner arbeiten auf Hochtouren, doch nichts geht mehr......

Jana Wisniewski, 18. März 2007